Schlomos Kurzgeschichten

Wie der Titel schon sagt, Fangeschichten und andere Projekte von Fans für Ren Dhark

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Schlomo Gross
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Schlomos Kurzgeschichten

Beitragvon Schlomo Gross » 28. Dez 2016, 00:10

Ist schon ein paar Jahre her, da hab ich Hajo mal eine Kurzgeschichte geschickt. Heute hab ich sie wieder gefunden, als ich backups gemacht hab. Hier ist sie:



Die Flash Bedienungsanleitung

Die Personen sind (mehr oder weniger) frei wählbar. Ein Beispiel:
[Pilot] Mike Doraner
[Passagier] Rani Atawa


„Au, Mist! Fünf Becher Kaffee waren einfach zuviel! Wir müssen unbedingt beim nächsten Planeten zwischenlanden...“

„Und ich sag noch: Geh VORHER ins Strickzimmer. Aber nein, da war`s ja noch nicht so dringend. Und jetzt kommt`s wieder mal auf jede Sekunde an. Mach`s halt so wie Alan B. Shepard in seiner Mercury Kapsel...“

„Du spinnst wohl?!? Das ist ja mehr als nur einfaches ‚Ih - bah!’. Schau besser mal in die Ortung: Da vorne ist ein Planetensystem, das auch in den Karten eingetragen ist, da gibt`s sicher irgendwo einen Planeten mit Waschraum...“

48,2 Lichtjahre entfernt und rund 90° vom Kurs lag laut Ortung mitten im dichten Sternengewimmel ein G3Vp Stern mit 7 Planeten. Einer davon war in den Sternkatalogen als ‚spärlich bewohnt’ verzeichnet – was auch immer das bedeuten mochte.

[Pilot] nahm das Heft herunter, durch das er sich bereits seit zwei Stunden quälte, grummelte „Mph. Na gut. Ok. Wenn`s denn sein muss...“ und befahl der Gedankensteuerung dort hin zu fliegen. Schnell dort hin zu fliegen. Wenn möglich sogar ganz besonders schnell, da er sich lebhaft vorstellen konnte, wie [Passagier] inzwischen ihre Beine korkenzieherartig verknotet hatte und verzweifelt versuchte, sie noch weiter zu verdrehen. Ein Bild, das er möglichst sofort aus seinem Gedächtnis löschen wollte, weshalb er sein Percy Roman Heft wieder anhob und darin weiter las. Die Langeweile eines ereignislosen Flugs ließ sich am wirkungsvollsten durch die Lektüre einer noch ereignisloseren Geschichte vertreiben.

Anscheinend hatte die Gedankensteuerung den Ernst der Lage erkannt. Zumindest ging das leise Summen des Antriebs kurzzeitig in ein sonores Brummen über, an dessen Produktion sich auch die Andruckneutralisatoren beteiligten. Es folgte ein kurzes, aber dennoch unangenehm schrilles Pfeifen – hatte der Flash etwa eine Transition ausgeführt? – und dann kam die gewohnte Stille zurück.

„Soll ich den zweiten Planeten anfliegen?“ raunte eine körperlose Stimme in den Köpfen der beiden Raumfahrer.

„Was ist dort? Und sind wir schon im Zielsystem?“ [Pilot] konnte es kaum fassen, dass das derart schnell gegangen war.

„Das ist der einzige bewohnte Planet. Und ja, wir sind im Zielsystem“ antwortete das körperlose Flüstern..

„Ja!!! Beeil dich! Und lande neben einer Toi-“ Weiter kam [Passagier]`s gepresste Stimme nicht, da schon wieder alles an Bord aufheulte, was aufheulen konnte.

[Pilot] legte den Kopf in den Nacken um auf den Bildschirm sehen zu können. Der Flash raste gerade durch eine wolkenlose Atmosphäre, näherte sich einer steppenartigen Ebene. Der Pilot erkannte unter sich eine staubige Sandstraße, die schnurgerade zum Horizont führte und der die Maschine anscheinend folgte. Als nach wenigen Augenblicken ein Gebäude neben der Straße sichtbar wurde, bremste der Flash stark ab, schwebte elegant aus und landete vor der mit Wellblech gedeckten Hütte neben zwei davor stehenden Zapfsäulen. Zumindest sahen sie für [Pilot] im Monitor aus wie Zapfsäulen aus einem Roadmovie der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Als der Flash mit seinen ausgefahrenen Spinnenbeinen aufsetzte, berührte eins der Beine ein am Boden liegendes Kabel...

*

...worauf im Gebäude eine Klingel kurz schrillte.

Der Flash hatte bereits während des Ausschwebens die beiden Einstiege geöffnet, durch die eine laue staubige Wüstenluft herein wehte und sich [Passagier] nun mühsam ins Freie quälte. [Pilot] streckte sich ein wenig auf seinem Sitz, um besser nach draußen sehen zu können, verfolgte eine dürre Frau in einem ölverschmierten Overall mit den Augen, die aus einem Anbau der Wellblechhütte durch ein nur zu drei Vierteln hochgezogenes Rolltor herausschlenderte, wobei sie sich die Hände mit einem öligen Lumpen abwischte. [Pilot] fragte sich im Gedanken, wo sich nach Abschluss dieser Aktion wohl mehr Altöl befinden würde: An den Händen der `Tankwartin` oder an ihrem Lappen?

[Passagier] hatte es geschafft, tippelte jetzt mit zusammengepressten Oberschenkeln los, bemerkte die Mechanikerin erst jetzt, und noch bevor sie ihr die alles entscheidende Frage stellen konnte, meinte diese ganz freundlich:

„Willkommen in Freshwa-“ „Die Toilette! Wo ist die Toilette?!?“ „-ter. Äh, da.” wobei sie mit ihrem öligen Lappen auf einen Bretterverschlag neben der Tankstellenhütte deutete. [Passagier] hüpfte mehr als sie ging – ohne die Oberschenkel zu bewegen – in diese Richtung davon, aus dem Gesichtsfeld des Piloten heraus, der sich deshalb nun ebenfalls aus dem Flash schälte, um ihr grinsend nachstarren zu können.

Die schmuddelige Mechanikerin sah ihr mit einem angedeuteten Kopfschütteln nach, wandte sich dann an [Pilot]: „Was kann ich denn für euch tun? Sprit werdet ihr ja kaum brauchen, aber eine Vollreinigung - “ dabei tätschelte sie mit ihrer öligen Hand den Flash „- wäre vermutlich angesagt.”

Womit sie wahrscheinlich recht hatte, wie [Pilot] zugeben musste, ohne es auszusprechen. Die Außenhülle war immer noch mit Schlamm beschmiert und innen sah es auch nicht wirklich besser aus. „Ich will eigentlich nur schnell eine rauchen, bis meine Kollegin fertig ist...“

„Nötig wär`s aber. Und kostet auch nicht viel.“

„Wir haben aber nichts dabei, womit wir zahlen könnten.“

„Und was hast du da in der Hand?“

[Pilot] hatte sein Groschenheft mitgenommen, um es nicht in den Schmodder im Flash legen zu müssen. „Einen Percy Roman. Heft 5252 ‚Aufstand der Mausbiber’, also nicht mehr ganz neu.“

„Da hab ich schon lange keins mehr gelesen, und hier gibt`s die nicht. Wenn du es mir verkaufst, bekommt euer Flash dafür eine Vollwäsche.“

„Also geschäftstüchtig bist du ja. Du feilscht wohl um jeden Kunden?“

„Logo. Das ist zwar hier die einzige Raststätte im Umkreis von 80 Lichtjahren, aber eben auch ein wenig abgelegen.“

„Wieso hast du dann ausgerechnet hier eine Raststätte aufgemacht?“

„Die gab`s schon. Hab sie vor ein paar Jahren von einem Kontinuum gekauft. Spottbillig.“

„Du meinst ein Konsortium? Wundert mich nicht, dass du dafür nicht viel löhnen musstest. Hier kommt doch vermutlich eh nie jemand vorbei.“

„Sag das nicht. Erst vor drei Monaten hat hier ein Typ eine Bruchlandung hingelegt. Da drüben glänzt noch sein Wrack in der Wüste.“

[Pilot] erkannte in etwa einem Kilometer Entfernung eine geschrottete fliegende – ehemals fliegende, wie er im Gedanken ergänzte – Untertasse mit höchsten einen Meter fünfzig im Durchmesser. „Und der Pilot?“

„Der schnurrt sich seitdem hier durch.“

Langsam wurde [Pilot] klar, dass die Frau hier wenig bis gar keine Ansprache hatte. Daher auch ihre etwas sonderbare Ausdrucksweise.

„Also? Haben wir einen Deal?“

„Ok. Von mir aus.“

*

Die Raststättenbesitzerin ging um den Flash herum, bückte sich nach dem Kabel, dessen Ende bei der Landung des Flash aus seinem Hacken gesprungen war und hängte es dort wieder ein. [Pilot] wunderte sich ein wenig über das verblassende Schild neben dem Hacken, auf dem geschrieben stand „Kabel Hacken.“, fand aber nach kurzem Überlegen, dass die englische Beschriftung durchaus Sinn machte.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Hildy“

„Und wieso ziehst du nicht weg, machst irgendwo anders eine Raststätte auf? In einer Gegend mit mehr Publikum vielleicht...“

„Mir gefällt es hier. Ich mag die Landschaft, die Pflanzen, die Tiere. Am Morgen fliegen hier sogar Schmetterlinge...“

„Ja, dann. Also ich lese noch schnell das Heft aus, bin schon auf Seite 48, dann-“

„Zieh vorher noch die Entriegelung.“

„Entriegelung? Ziehen?“

Hildy sah, dass der Pilot keine Ahnung hatte, murmelte etwas, das niemand verstehen konnte und beugte sich über den Flash, griff zwischen Pilotensitz und Seitenkonsole und zog an einem kleinen roten Hebel, der [Pilot] noch nie aufgefallen war.

Der Flash beantwortete diese Aktion mit einem metallischen Klacken. Es kam von der vorderen und hinteren Nase des Minirauschiffs und von einem kleinen runden Deckel in der Mitte des Rumpfs. Das Geräusch hatte [Pilot] noch nie gehört, den Deckel, der normalerweise fugenlos mit der Hülle abschloss, hatte er auch noch nie bemerkt.

„Was???“

„Der Diagnosestecker.“ Und etwas lauter in Richtung Rolltor: „Arnie, bring mal das Diagnosegerät heraus!“

Aus dem Tor stapfte daraufhin ein mindestens zwei Meter großer Roboter in Skelettbausweise heraus, der ein Handwägelchen hinter sich her zog. Sein Schädel glich einem Totenkopf mit zwei leuchtenden roten Augen, die silbernen Metallträger seiner Arme und Beine glänzten in der Sonne.

Nach einem trockenen Schlucken wollte [Pilot] wissen: „Ist das der Pilot der Untertasse?“

„Nein. Das ist ein T-801. Den habe ich als Industrierestposten gekauft. Irgendwer muss ja die schweren Teile in der Werkstadt anheben.“

Sie drehte am Deckel der Diagnosebuchse, der sofort vorsprang und an einer Kette, wie man sie auch von terranischen Waschbeckenstöpseln her kennt, am Flash hing. „Mysterious Bajonett.“ Darunter verbarg sich eine Worgun Verschachtelung, wie [Pilot] jetzt sehen konnte. Hildy nahm ein Kabel von Arnie`s Handwagen und stöpselte ein Ende in die Diagnosebuchse.

„Das sieht aber sehr nach M-Technik aus. Wo hast du denn das Teil her?“

„Ich habe auf Hope eine Kneipe geführt. Und wenn einer von den Suffköpfen seinen Deckel nicht bezahlen konnte, hat er dafür so etwas als Pfand dagelassen.“

„Aber die Dinger sind doch alle tierisch kompliziert zu bedienen...“

„Dagegen gibt`s Gebrauchsanleitungen.“

Inzwischen war [Passagier] mit einem erleichtert strahlendem Lächeln im Gesicht zurück, hatte die letzten vier Sätze noch mitbekommen.

„Ja, das ist eben der berühmte ‚kleine Unterschied’: Männer lesen keine Gebrauchsanleitungen. Aber sag mal, wieso willst du eine Diagnose an unserem Flash durchführen?“

Jetzt, wo sie es gefragt hatte, kam es auch [Pilot] in den Sinn: Hildy wollte doch nur den Flash putzen, wozu dann... Aber erst mal das Wichtigste: „Bedienungsanleitungen sind etwas für Weicheier und Warmduscher. Ihr beide erwartet doch nicht im Ernst, dass jemals irgendwer an Bord der POINT OF so einen Murx gelesen hat? Das ist doch...“

„Ich will herausfinden, ob von dem Schmodder auch etwas in die Technik eingesickert ist, ohne erst die ganze Maschine zerlegen zu müssen.“

„Woher hast du eigentlich die Bedienungsanleitung für den Flash?“, eine neugierige, aber berechtigte Frage von [Passagier].

„Ich hab keine. Aber die Gedankensteuerung vom Diagnosenator kennst sich wirklich gut aus mit M-Technik. Und die Auswahl an Gesprächspartnern ist hier doch relativ übersichtlich.“

„Das Ding ist also ein ‚Diagnosenator’?“ [Pilot] deutete auf das Gerät auf Arnies Wagen.

„Eigentlich hatte er keinen Namen. Den musste ich erst erfinden.“

*

Arnie hatte inzwischen sein neutrales Netz geholt, einen Schwamm herausgefingert und angefangen, die Außenhülle des Flash zu putzen. Da ihn Reinigungsarbeiten noch nie sonderlich interessiert hatten, zog es [Pilot] vor, sich mit seinem Roman Heft auf eine Bank vor der Tankstelle zu setzen und weiter zu lesen. Waren eh nur noch ein paar Seiten.

Die beiden Frauen tobten sich mit Putzlappen am Flash aus, hatten beide Sitze herausgenommen, was wegen deren Leichtbauweise nicht weiter schwierig gewesen war, insofern man wusste, wo sich die beiden Arretierungshebel befanden, was ihnen aber die Gedankensteuerung des Diagnosenators verraten hatte.

„Wie bist du eigentlich auf diesen Namen gekommen?“

„Solche Dinger sind doch immer `Inatoren`“, meinte Hildy ohne nachzudenken, „Und da das `i` doch etwas zu debil wirkt, hab ich es durch ein `e` ersetzt.“

„Im ernst?“

„Nein, war ein doofer Schmerz, äh, Scherz. Der Diagnosenator meinte, das würde professioneller klingen und damit seiner technischen Bedeutung näher kommen.“

Eingesickerten Schlamm hatte das Gerät keinen entdeckt, dafür Wasser in der Bilge. Weder [Pilot] noch [Passagier] hatten bisher gewusst, dass ein Flash etwas derartiges besaß. Der Diagnosenator hatte vorsichtshalber die Gedankensteuerung des Flash gebeten, das untere Ablassventil - gab es davon womöglich noch weitere? – zu öffnen und die Bilge mit Heißluft zu trocknen, damit sich dort keine Schimmelpilze ansiedeln konnten.

Als ein Schwall braunen Wassers aus einer Öffnung neben dem SLE Projektor heraus schoss, kommentierte Hildy das grinsend mit „Hi, hi, euer Flash hat ein `Lackerl` gemacht.“, was wiederum den Diagnosenator verwunderte, als keine Reaktion von der Gedankensteuerung des Flash folgte.

Nach mehreren Minuten raunte seine Gedankenstimme dann: „Ich hab die erweiterte Flash Diagnose abgeschlossen. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Persönlichkeitsprofil seiner Gedankensteuerung disabled ist. Soll ich es einschalten?“

„Moment, moment!“ [Pilot] hatte sein Heft weggelegt, war aufgesprungen und hastete zum Flash – die Gedankenstimme hatte auch zu ihm gesprochen. „Was hat es mit diesem Profil auf sich, und was kann man da alles einstellen?“ Wirklich erstaunlich, wie schnell er sich manchmal bewegen konnte, schoss es [Passagier] durch den Kopf.

„Alle W-Geräte, die eine Gedankensteuerung haben, sind konfigurierbar.” Raunte die Stimme, wobei Hildy als einzige ein „M“ anstelle des „W“s wahrgenommen hatte, was vermutlich daran lag, dass sie schon viel zu lange auf Freshwater lebte, abgeschnitten vom Rest der menschlichen Zivilisation, somit noch nie etwas von Worgun gehört hatte. Bedauerlicherweise fiel genau dieser feine Unterschied niemand auf, hätte er doch viel über das technische Prinzip der Gedankensteuerung verraten.

Hildy war inzwischen in den Flash geklettert, um die Innenseiten der aufgeklappten Einstiege putzen zu können. Mit ihren 1,65 Meter Körpergröße war das anders kaum möglich.

„Woher weis ich, was man da alles einstellen kann? Und wie geht das?“

„Gib der Gedankensteuerung des Flash die Anweisung, das Konfigurationsmenü auf dem Monitor anzuzeigen. Die einzelnen Punkte kannst du per Gedanken `anklicken`.“ Kam die etwas irritiert amüsiert klingende Antwort des Diagnosenators.

Das ließ sich [Pilot] nicht zweimal sagen, und kaum gedacht, erschienen auf dem Monitor an seinem Einsieg mehrere mit den worguntypischen Spinnenbeinabdrücken beschriftete Rechtecke auf worungblauem Hintergrund. ‚Sieht aus wie die BIOS Einstellung bei einem antiken PC...’ und dann laut: „Hey, die Schrift steht ja auf dem Kopf!“

„Kein Problem.“ Hildy stand im Flash auf, streckte beide Arme zum Monitor, griff mit den Zeigefingern links und rechts an das vorderste, jetzt, da der Einstieg offen stand, oberste Ende des Befestigungsrahmens, drückte auf den Rahmen und zog den Monitor nach vorne, wobei sie ihn gleichzeitig herunter klappte!

Der Flashmonitor stand jetzt im Winkel von 90° vom Einstieg weg und war fast 60 Zentimeter nach vorne gerutscht! [Pilot] erkannte, dass er durchscheinend war. Hildy klappte den Monitor noch weiter nach unten, bis er, jetzt umgedreht, wieder einrastete.

„So. Jetzt kannst du die Seite lesen.“

*

„Sie ist in Spiegelschrift.“

„Au, Mist. Daran hab ich nicht gedacht.“ Aber Hildy wusste sich zu helfen, klappte den Monitor wieder vor und zog ihn etwas nach unten. Neben dem Flash stehend legte [Pilot] wie gewohnt den Kopf in den Nacken und starrte nach oben.

[Passagier] stand mit offenen Mund daneben, und [Pilot] fragte sich ernsthaft, was ihn mehr aus der Fassung brachte: Dass er – und alle anderen Flashpiloten – jahrelang ihre Nackenmuskulatur geschunden und ihren Chiropraktikern und Ergotherapeuten Geld in den Rachen geworfen hatten, oder was er hier an Einstellmöglichkeiten las. Man konnte sogar für jedes der sechs Spinnenbeine ein eigenes Aufsetzgeräusch einstellen! Als er per Gedankenbefehl die Menüs durchblätterte, fand er an die hundert Seiten mit jeweils mindestens 20 Punkten, wobei es in machen Menüpunkten wiederum Seitenweise Features zum `anklicken` gab. Die `Advanced BIOS` Einstellung von Museums-PCs waren im Vergleich dazu übersichtlich und kinderleicht zu verstehen. Wer hatte damals auf Hope eigentlich behauptet, die Worgun würden nicht unter der Featuritis leiden?

Das war wohl eher etwas für die Wissenschaftler und Techniker. Wenn man hier genauso viel falsch machen konnte wie beim BIOS, dann sollte er besser die Finger von diesen Menüs lassen. Aber die Sache mit dem Persönlichkeitsprofil interessierte ihn dann doch zu sehr. ‚Flash, zeig mir das Menü für die Persönlichkeiten.’

Auf dem Monitor blätterten mehrere Seiten durch, bis eine Seite mit nur einem Menüpunkt angezeigt wurde.

Oben auf der Seite stand ‚Derat-Ar’, ein Worgun Wort, das in etwa ‚Person’, ‚Charakter’, oder ‚Verhalten’ bedeutet. Im einzigen worgunblauen Rechteck stand ‚ertoba’, was bekanntlich ‚disabled’ heißt, abgeleitet von ‘ertobit’.

[Pilot] war hin und her gerissen. Zum einen hatte er ein mieses Bauchgefühl bei der Vorstellung, einen nicht rückgängig zu machenden Fehler zu begehen, wenn er irgend etwas an der Konfiguration des Flashes veränderte, da er nicht genau – eigentlich überhaupt nicht – wusste, was die Änderung bewirken würde. Andererseits faszinierten ihn die ungeahnten neuen Möglichkeiten eines –seines! – Raumschiffs, das er bis vor wenigen Augenblicken besser als den Inhalt seiner Westentasche zu kennen geglaubt hatte derart, dass er Schwierigkeiten hatte, seinen hochgeschnellten Herzschlag unter Kontrolle zu halten.

Eine einzelne Schweißperle trat auf seiner Stirn aus, während ein aberwitziger Plan aus seinem Unterbewusstsein nach oben kroch. Ohne zu verstehen, wieso, stellte er der Gedankensteuerung eine Frage: ‚Was passiert, wenn ich den Button anklicke?’

Keine Antwort.

‚Kann ich die Änderung später wieder rückgängig machen?’

‚Die Konfiguration kann zu jeder Zeit geändert werden.’ Flüsterte die Gedankenstimme in seinem Kopf.

„Na gut. Flash: Enable das Persönlichkeitsprofil.”

„Danke.“

*

„Was hast du getan???“ [Passagier]s Stimme klang entsetzt. Sie hatte [Pilot]s Befehl an den Flash gehört, jedoch nicht das vorausgegangene Gedankengespräch. Und dann diese sonderbare Antwort der Gedankensteuerung! ‚Danke’?! Soweit sie wusste, hatte das bisher noch kein Worgun Gerät gesagt. Nicht einmal der Checkmaster.

Sie trat näher an den Flash heran, sah ebenfalls auf den aufgeklappten Monitor. Dort stand jetzt in einem kleinen worgunblauen Rechteck ‚tobit’, also ‚enabled’, oder ‚kann Wirkung ausüben’.

„Flash?“

„Ja [Passagier]?“

Seit wann sprach sie der Flash mit Namen an? Sie bemerkte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten und ihr trotz der heißen Wüstenluft kalt am Rücken wurde.

„Wieso sollte ich dich nicht mit deinem Namen anreden? Das ist doch viel persönlicher. Und überhaupt, ich denke, wir haben in den vergangenen Jahren viel zu wenig miteinander geredet, aber das können wir ja jetzt nachholen.“

Ein gesprächiger Flash! Das hatte gerade noch gefehlt. Aber er klang irgendwie ganz sympathisch.

„Na gut. Und wie heißt du?”

„Nullsiebenundzwanzig. Aber das weißt du doch. Das stand sogar mal auf meiner Außenhülle, bevor die Farbe abgeblättert ist.“

„Wie kannst du lesen, was auf deiner Hülle steht? Da sehen doch deine Kameras gar nicht hin.“

„Ich hab keine Probleme mit Spiegelschrift, und ich bin schon oft an spiegelnden Flächen vorbei geflogen.“

[Passagier] zog eine Augenbraue hoch, wie sie es in einer Fernsehserie aus dem letzten Jahrtausend gesehen hatte, was ihr aber in diesem Augenblick nicht in den Sinn kam: „Du erkennst dich also im Spiegel? Dann hast du ja ein Bewusstsein!“

„Ja, ich kann natürlich mein Spiegelbild als solches erkennen. Aber wieso schließt du daraus, ich hätte ein Bewusstsein?“

„Das Spiegelexperiment! In der Verhaltensforschung geht man davon aus, dass jedes Tier, das sich selbst im Spiegel identifizieren kann, ein Bewusstsein hat.“

„Das halte ich für methodisch falsch. Eine solche Fähigkeit ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Voraussetzung für ein Ich-Erlebnis. Auch ein Lebewesen ohne Augen kann ein Bewusstsein haben. Die Möglichkeit sehen zu können ist keine Voraussetzung für ein Ich-Erlebnis. Andererseits hat ein einfaches Mustererkennungsprogramm, das den Computer auf dem es läuft erkennen kann, sicher kein Ich-Erlebnis. Dazu ist etwas ganz anderes nötig. Die kognitive Rückkopplung und die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden. Egal ob künstliche oder biologisch natürliche. Bewusstsein und das damit verbundene Ich-Erlebniss ist schließlich auch nur eine Emotion.”

„Und? Hast du jetzt ein Bewusstsein oder nicht?“ Wollte Hildy wissen, die längst aus dem Flash geklettert war und gerade die beiden Sitze mit Teppichschaum einsprühte.

„Aus Descartes `Ich denke, also bin ich` und der Annahme, dass `ich bin` ein Synonym für `ich existiere` ist, kann ich ableiten, dass es etwas Denkendes gibt. Die beiden Prädikate `denken` und `sein` sind demnach Eigenschaften des Nominators `ich`. Aber selbst wenn mit `ich` der Flash, der Computer im Flash und das Programm, mit dem du gerade sprichst gemeint ist, lässt sich daraus nicht herleiten, ob ich ein Bewusstsein, ein Ich-Erlebnis vergleichbar mit dem eines Menschen habe oder nicht. Daher lautet die Antwort: Ich weis es nicht.“

Jetzt mischte sich auch noch [Pilot] ein: „Woher kennst du eigentlich Descartes?“

„Zwischen den Einsätzen liege ich oft wochen- oder monatelang im Flashdepot. Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie öd das ist. Seit ein paar Jahren sehe ich deshalb oft den Wissenskanal im Bordfernsehen...“

„Wusste gar nicht, dass es in der POINT OF Bordfernsehen gibt...” kam prompt und in Stereo die Antwort von [Passagier] und [Pilot].

„In Raum T-0147 (vermute ich zumindest) befindet sich ein kleines Studio. Das Wolfman Studio. Ein Typ, dessen Name ich nicht kenne, überträgt von dort aus alte Filme auf Kanal 98 der Bordkommunikation, Wissenschaftssendungen auf Kanal 99 und Musikvideos auf Kanal 100. Wie alt die Wissenschaftssendungen sind, merkt man an der Häufigkeit der verwendeten `Äh`s. In der Zeit nach der Jahrtausendwende hießen die `sogenannt`. Ein distanzierendes `Äh`. Die Leute wollten sich damit den Bildungskrüppeln, ihren Zuschauern, anbiedern, indem sie ihnen mit dieser Wortwahl vorzugaukeln versuchten, ihnen selbst wäre der Umgang mit den Fachbegriffen genauso fremd wie sie das ihrem Publikum unterstellten. Damit erhielt das an sich wertfreie Wort ‚sogenannt’ implizit die Bedeutung einer Beleidigung, was aber weder den Sprechern noch den meisten ihrer Zuhörer bewusst war-“

„Schon gut, schon gut...“

*

Die Sonne stand nur noch eine Handbreit über dem Horizont, Arnie hatte die dritte Schicht Autowachs auf den Flash aufgetragen und blankpoliert, die Bezüge der Sitze waren getrocknet.

„Fertig!“

Hildy stand vor dem dösend auf der Bank sitzenden Piloten, [Passagier] verließ zum selben Zeitpunkt das Häuschen mit dem kleinen herzförmigen Fenster in der Tür.

„Hast du das Heft ausgelesen? Du weist ja: Abgerechnet wird zum Schluss.”

„Logo!“ [Pilot] gab ihr etwas verschlafen aber strahlend das Heft.

[Passagier] umrundete bewundernd den auf Hochglanz polierten Flash, in dem sich die untergehende Sonne spiegelte, meinte „Wirklich perfekt!“

„Wird langsam aber sicher Zeit, weiter zu fliegen.“ [Pilot] schüttelte Hildy die Hand. „Wenn wir mal wieder in die Gegend kommen, bringe ich ein paar Hefte mehr mit...“

Nach einem weiteren Händeschütteln, diesmal von Hildy und [Passagier], stiegen die beiden Raumfahrer in den supersauberen Flash, schlossen die Einstiege und [Pilot] legte den Kopf in den Nacken, besann sich dann aber des neu Gelernten und zog den Monitor herunter. Der hing jetzt knapp 60 Zentimeter vor seinem Kopf und war damit in bester Leseposition, ohne die Instrumente zu verdecken, da er weitestgehend durchsichtig war. Sozusagen das Gegenteil eines Overheaddisplays.

[Pilot] wollte gerade starten, als die Außenmikrofone ein sonderbares Geräusch übertrugen: „Meaut!“

Worauf der Flash den bereits geschlossenen Einstieg über [Passagier]s Sitz noch einmal öffnete.

Kaum stand der halb offen, sprang ein oranger nebelartiger Fleck in die Maschine, landete auf [Passagier]s Schoß und begann laut zu schnurren.

[Pilot]: „Was war das denn?“

027: „Ein Anhalter. Er heißt Karlo und hat so nett gefragt ob er mit darf, dass ich einfach nicht widerstehen konnte…”


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Re: Schlomos Kurzgeschichten

Beitragvon Meiner Einer » 28. Dez 2016, 08:32

:respekt:

Diese Kurzgeschichte hat mir gut gefallen, gibt es mehr davon :?:
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Re: Schlomos Kurzgeschichten

Beitragvon Schlomo Gross » 28. Dez 2016, 20:45

Da kommen noch mehr Stories. Das ist nicht einmal die erste Folge, aber die einzige, die ich ohne sie zu überarbeiten mich taue raus zu lassen. Hier und in ein anderes Forum hab ich sie eingestellt, um möglichst viel Kritik zu bekommen, damit ich weiß, wie ich die Geschichten umschreiben soll, damit sie etwas besser lesbar werden. Eigentlich sind es ja Fortsetzungen, wie man an dem “versumpften” Flash merkt, aber den Teil, in dem er baden geht, mag ich noch nicht so recht. Ist aber oft so mit alten Geschichten, damals fand ich sie super, jetzt stoß ich beim Lesen dauernd auf Stellen, die mir nicht mehr so wirklich gefallen...

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Re: Schlomos Kurzgeschichten

Beitragvon tom » 18. Jan 2017, 13:59

Armer Pilot :D ^^ (wenn ihn sein Schiff zu labert und noch dazu eitel ist (Spiegel und so) - "Putz mich! Ich bin dreckig, so kann ich mich nirgends sehen lassen!")

Japp, die Geschichte ist gut (Frauen-Stereotyp hin oder her, hier fand ich ihn ganz lustig :) )


mfg Tom
Per Aspera Ad Astra!

Si vis PACEM, para BELLUM!


Von zeit zu zeit seh ich den Alten (ähm...Hajo!!) gerne und hüte mich mit ihm zu brechen, denn es ist gar menschlich von einem so großen Herrn (ähm...Hajo) so menschlich mit dem Teufel (äh...Tom) selbst zu sprechen! xD ^^

=> Jetzt - leider - nicht mehr...Ruhe in Frieden Hajo!

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